
Ist der Zustand unserer Brücken, Schienen und Straßen wirklich so schlecht wie ihr Ruf?
Steffen Szeidl: Leider ja. Die deutsche Verkehrsinfrastruktur wurde über Jahrzehnte hinweg auf Verschleiß gefahren. Betroffen sind nicht nur einzelne marode Brücken oder Schlaglochpisten, sondern große Teile des Schienen- und Straßennetzes. Viele Verkehrswege sind heute schlichtweg nicht mehr leistungsfähig genug für eine moderne Industriegesellschaft. Laut aktuellen Zahlen des Bundesrechnungshofs sind rund 7.500 Brücken auf Autobahnen und Bundesstraßen sowie etwa 1.200 Bahnbrücken sanierungsbedürftig. Hinzu kommen über 17.000 Kilometer sanierungsbedürftige Bahnstrecken und mehr als 7.000 Kilometer Autobahnen. Für Unternehmen führen diese Defizite zu unzuverlässigen Lieferketten, steigenden Transportkosten und teuren Verzögerungen. Für die Menschen bedeuten sie längere Wege, mehr Staus und sinkende Lebensqualität. Punktuelle Reparaturen reichen nicht aus – wir brauchen eine umfassende Erneuerung. Die Herausforderungen sind dabei nicht nur baulicher Natur. Veraltete Planungsprozesse, fehlende Digitalisierung und fragmentierte Zuständigkeiten bremsen die Sanierung ebenfalls aus.
Worauf kommt es bei den 500 Milliarden Euro-Investitionen jetzt wirklich an?
Steffen Szeidl: Das von der Bundesregierung beschlossene Sondervermögen ist ein wichtiger Schritt – aber keine Erfolgsgarantie. Jetzt kommt es darauf an, das Geld strategisch und zielgerichtet zu investieren, vor allem in moderne Verkehrsnetze, eine resiliente Energieinfrastruktur und in Digitalisierung. Dafür muss die gesamte Projektkette neu gedacht werden. Von politischen Steuerungsmechanismen über die Verwaltung bis zur technischen Umsetzung brauchen wir klare Prioritäten, transparente Abläufe und digitale Planungsinstrumente.
Ein echter Wandel kann meines Erachtens nur gelingen, wenn zukünftig alle – vom Staat bis hin zur Privatwirtschaft – an einem Strang ziehen, sei es bei der Finanzierung, der Entwicklung innovativer Lösungen und auch beim Hinterfragen bestehender Standards. Nur so können komplexe Großprojekte schneller, kosteneffizienter und qualitativ hochwertiger umgesetzt werden. Wollen wir als Wirtschaftsstandort aufholen, müssen wir solche Partnerschaften nicht nur zulassen, sondern aktiv fördern. Der Staat muss nicht alles selbst bauen. Aber er muss sicherstellen, dass gebaut wird.
Wie steht es im Infrastruktursektor um Genehmigungen und Vergaben?
Steffen Szeidl: Die Dauer von Genehmigungsverfahren und Vergabeprozessen ist mit die größte Baustelle für Infrastrukturprojekte. Zwischen fünf und zwanzig Jahre vergehen, bis der Bau einer Brücke starten kann – teilweise dauern die Genehmigungen länger als die eigentlichen Bauarbeiten. Gründe sind die Vielzahl an Zuständigkeiten, komplexe Regelwerke, zahlreiche Abstimmungsrunden und veraltete IT-Systeme.
Zudem herrscht oft ein Mindset der Fehlervermeidung, das zu übertriebener Kontrolle, doppelten Prüfungen und umfangreicher Dokumentation führt. Dieses Vorgehen ist zwar verständlich, verhindert aber dringend notwendigen Fortschritt. Um schneller voranzukommen, braucht es weniger Bürokratie, weniger Silodenken bei den Projektbeteiligten und digitale Standards, die keine Ausnahme, sondern die Regel sind.
Müssen Immobilieninvestoren Infrastruktur stärker mitdenken?
Steffen Szeidl: Infrastruktur ist kein Nebenschauplatz, sondern das Rückgrat jeder zukunftsfähigen Gesellschaft. Wer heute in Immobilien investiert, muss mehr als nur Lage und Rendite im Blick haben. Entscheidend ist, wie gut ein Gebäude an Verkehrsnetze, digitale Infrastruktur oder nachhaltige Energieversorgung angebunden ist. Diese Faktoren bestimmen zunehmend Wert, Nutzbarkeit und gesellschaftliche Relevanz.
Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert, dass Immobilien morgen zu Stranded Assets werden – wirtschaftlich entwertet und gesellschaftlich abgehängt. Doch genau hier liegt auch eine Chance: Wer Infrastruktur von Anfang an mitdenkt, kann nicht nur wirtschaftlich klüger investieren, sondern aktiv zur Lösung zentraler Zukunftsfragen beitragen.
Immobilieninvestoren haben erheblichen Einfluss auf das Gesicht unserer Städte und damit auf das Leben kommender Generationen. Wer heute verantwortungsvoll investiert, gestaltet die Grundlagen für sozialen Zusammenhalt, wirtschaftliche Stabilität und nachhaltigen Fortschritt. Infrastruktur mitzudenken ist daher keine Option – sondern eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.
Vielen Dank für das interessante Gespräch.